Die Erste Viola da gamba
Freskenzyklus in der Kathedrale zu Valencia
Die Erste Viola da gamba
Freskenzyklus in der Kathedrale zu Valencia
(original text: German; for the English translation, click here!)
Gesegnetes Geflügel
Während der Restauration der barocken Deckenmalerei des Kuppels der Kathedrale zu Valencia vernahmen die Arbeiter durch die Mauer das Geflatter von beflügelten Wesen (Tauben, dachten sie; ich, hingegen, der Offenbarung nach zu urteilen, die uns dadurch zuteil wurde, vermute viel eher eine weitere Manifestation des Heiligen Geistes…).
Neugierig geworden, bohrten sie ein Loch durch die Mauer, leuchteten in den Hohlraum hinein und staunten förmlich: was der Lichtstrahl dieser einfachen Taschenlampen traf, wird heute als das hervorragendste Beispiel einer Freskenmalerei der italienischen Renaissance in ganz Spanien gerühmt. Dargestellt wird eine Vielzahl an beflügelten Wesen: Engel in kostbarem Gewand, jeder mit einem detailliert gemalten Musikinstrument versehen. Gelobet sei der Herr, denn, diese Fresken stellen in ihrer Perfektion ein aufschlußreiches ikonographisches Denkmal dar.
Dank der 1674 errichteten zweiten Decke mit barocken Gemälden wurden die Renaissance Fresken durch die absolute Dunkelheit in beinahe perfektem Zustand während 330 Jahre konserviert. Mit der Aufführung dieser Freskenzyklus wurden Francesco Pagano (aus Neapel) und Paolo di San Leocadio (aus Reggio, Lombardia) betraut, zwei herrvorragenden italienischen Künstlern. Dies geschah auf Empfehlung Rodrigo Borjas, eben unseres Rodrigo Borgias (Italienisierung des Namens) des späteren Papstes Alessandro VI. Der aus Xativa stammende Rodrigo ist für die Einführung der Viola da gamba in Italien verantwortlich: Der neue Papst zog mitsamt seiner Musikkapelle im Gefolge in den Vatikan ein. Was danach geschah ist uns mehr als bekannt.
Wichtig ist hier die Darstellung zweier Instrumente, die eng miteinander verbunden sind: die vihuela de mano und die vihuela de arco. Erstere weißt verblüffende Ähnlichkeiten mit der Viola da gamba in Sebastian Virdungs "Musica getutsch und außgezogen" (Basel, 1511) die wenig später (1529) beinahe unverändert auch in Martin Agricolas "Musica instrumentalis deudsch" erscheint.
Bild 1: Vihuela de mano, Kathedrale zu Valencia
Bild 2: Groß Geigen, Sebastian Virdung
“Musica getutsch und außgezogen”, Basel, 1511
Bild 3: Viola da gamba, Martin Agricola
“Musica instrumentalis deudsch, 1529
Interessant für uns ist aber die Darstellung der Viola da gamba, die in Anbetracht des frühen Datums (1472) als die allererste in der Geschichte angesehen werden kann. Als frühste Darstellung galt bisher das Gemälde von Valentin Montoliu (1475-85) in der Eremitage zu St. Feliu (St. Félix) in Xàtiva (bei Valencia, Spain). Die Viola da gamba in Valencia weist die Form einer Guitarre auf, die man ebenfalls aus der Malerei um 1500 kennt, aber auch aus den heute noch erhaltenen Exemplaren. Erstaunlicherweise blieb diese Modell - Guitarrenform - bis weit ins 18. Jahrhundert hinein erhalten. Bekannte Instrumentenbauer des 18. Jahrhundert wie Grancino, Testore und Guarneri stellten Violen da gamba in Guitarenform her. Eine Baßviola da gamba von Paolo Testore aus dem Jahre 1717 ist in der Webseite zu sehen: www.orpheon.org.
Bild 4: Vihuela de arco, Kathedrale zu Valencia
Bild 5: Viola da gamba (Tenor) von Gasparo da Salò.
Brescia, ca. 1570
Bild 6: Viola da gamba von Paolo Testore,
Milano, 1717
Die Viola da gamba in Valencia
Seit dem frühen Mittelalter, wohl im 10. Jahrhundert, etablierte sich eine musikalische Hochkultur im Kalifat von Cordoba, deren Schöpfungen nicht nur in ganz Spanien, sondern auch in der ganzen arabischen Welt geschätzt worden waren. Den christlichen Chroniken nach, sollen für ihre Feste und Feierlichkeiten die Höfe Spaniens des öfteren arabische Musiker engagiert haben, diese zuweilen unheimliche Strecken zurücklegen lassen, um bei wichtigen Anläßen das Musikalische zu übernehmen. Besonders hervorgehoben wurden die arabischen Musikerfamilien in Xativa und Valencia, die während des 14. und 15. Jahrhundert für die Feste in u.a. Barcelona, Zaragoza, sogar in Perpignan die Musik besorgten! Und diese Musiker wurden von den Monarchen auch sehr gut bezahlt (Ach, das waren Zeiten!). Es soll also nicht überraschen, daß die Entwicklungen in der Herstellung von Musikinstrumenten in dieser Region besonders ausgeprägt waren. Daß die vihuela de mano, die vihuela de arco aus dieser Region her kam wissen die meisten Leser bereits. Aber wußten Sie, daß es höchstwahrscheinlich eine dieser Familien war, nun aus religiösem Übereifer zu Geflügelten Wesen verwandelt und in fremdes Land vertrieben, die den Geigenbau in Cremona begründete? Gemäß jüngsten Forschungen eines französischen Geigenbauers soll Andrea Amati, der seine ersten Geigenzelttel als "Amadi" schrieb, (ein Name, den es in Italien nicht gibt, wohl aber in Valencia: Amad, Hamad) sehr wahrscheinlich aus derselben Region her kommen wie der Erfinder der Viola da gamba. Aber das soll Gegenstand einer anderen Geschichte sein...
Jedoch eine Schlußbemerkung:
Es mag wohl sein, daß diese Leute weder damals noch heute auf christlichem Boden keine Minaretten mehr bauen dürften, aber bitte, lassen wir sie dennoch zumindest unsere Instrumente erstellen.
Bild 7: Vicent Ferrus Mascarell, 2004,
bei der Entdeckung der Fresken an der Decke der Kathedrale
(Die Größenverhältnisse beachten!)
NB: Die Informationen zu diesem Artikel erhielt ich freundlicherweise von Vicent Ferrus Mascarell, der bei der Entdeckung und Erforschung dieser Fresken dabei war. Hier ein Bild jener Tage. Man kann die tatsächliche Größe dieser Engel sehen. die Figuren sind etwa 4 Meter groß!
Bild 8: Vicent Ferrus Mascarell in seinem Atelier,
bei der Rekonstruktion der Viola da gamba von Valencia
Bild 9: Viola da gamba, Valentin Montoliu (1475-85),
Eremitage zu St. Feliu (St. Félix) in Xàtiva (bei Valencia, Spain)
Dieses Gemälde galt als die erste Darstellung einer Viola da gamba in der Geschichte bis zur Entdeckung der Fresken in Valencia.
José Vázquez
(Dokumentation und einige Fotos freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Vicent Ferrus Mascarell)
Guide to the exhibition: easy download
Orpheon Exhibitions
Informative Presentations
Other exhibitions:
Our last exhibition in 2009: Cuenca, Spain
Castello di Duino: until november, 2010
Music: Josquin - In te Domine speravi
© 2005 José Vázquez